Ludwig Bechstein Märchen - Der Hahn und der Fuchs

Ludwig Bechstein
In einer kalten Winternacht kroch ein hungriger Fuchs aus seinem Bau und ging dem Fange nach. Da hörte er auf einem Meierhofe einen Hahn fort und fort krähen, der saß auf einem Kirschbaum und hatte schon die ganze Nacht gekräht. Jetzt strich der Fuchs hin nach dem Baum und fragte: »Herr Hahn, was singst du in dieser kalten und finstern Nacht?«

Der Hahn sprach: »Ich verkünde den Tag, dessen Kommen meine Natur mich erkennen lehrt.«

Darauf versetzte der Fuchs: »O Hahn, so hast du etwas Göttliches in dir, daß du zukünftig kommende Dinge weißt!« und alsbald begann der Fuchs zu tanzen.

Jetzt fragte der Hahn: »Herr Fuchs, warum tanzest du?«

Ihm antwortete der Fuchs: »So du singest, o weiser Meister, so ist billig, daß ich tanze, denn es ziemet, sich zu freuen mit den Fröhlichen. O Hahn, du edler Fürst aller Vögel, du bist nicht allein begabt zu fliegen in den Lüften, nein, auch hohe Prophetengaben lieh dir die Natur! O wie bevorzugte sie dich vor allen andern Tieren! Wie glücklich wär ich, gönntest du mir deine Gunst! Wie gerne küßt ich dein weisheitdurchdrungenes verehrtes Haupt! O wie beneidenswert, wenn ich dann künden könnte meinen Freunden: Ich war der Glückliche, dem ein Prophet sein Haupt zum Kusse hingeneigt!«

Der alberne Hahn glaubte dem Schmeichelwort des Fuchses, flog vom Baum und hielt ihm seinen Kopf zum Küssen hin. Mit einem Schnapper war er abgebissen, und lachend sprach der Fuchs: »Ich habe den Propheten ohne alle Vernunft befunden.«

Ludwig Bechstein (deutscher Schriftsteller und Apotheker)

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